Am 06.05.2026 durfte ich an der Europa-Universität Viadrina über ein Thema sprechen, das im juristischen Studium häufig viel zu abstrakt behandelt wird: Haft. Nicht als examensrelevantes Problem. Nicht als bloße strafprozessuale Maßnahme. Sondern als reale Erfahrung, die Menschen und Familien nachhaltig verändert.
Unter dem Titel „Inside Knast“ kamen knapp 70 Jurastudierende freiwillig an einem Mittwochabend in den Hörsaal, um sich genau mit dieser Perspektive auseinanderzusetzen. Gemeinsam mit meinem Mandanten und Freund Lukas ging es nicht um theoretische Definitionen oder Standardformulierungen aus Kommentaren, sondern um die tatsächlichen Auswirkungen von Untersuchungs- und Strafhaft auf Betroffene.
Haft ist mehr als eine strafprozessuale Maßnahme
In der täglichen Praxis der Strafverteidigung entsteht häufig der Eindruck, dass Freiheitsentzug in Teilen der Justiz erstaunlich abstrakt behandelt wird. Über Haft wird gesprochen wie über einen üblichen Verfahrensschritt. Dabei handelt es sich um den massivsten Grundrechtseingriff, den der Staat gegenüber einem Menschen vornehmen kann.
Untersuchungshaft und langjährige Freiheitsstrafen bedeuten nicht nur den Entzug von Freiheit. Sie bedeuten häufig den Verlust sozialer Beziehungen, beruflicher Existenzen und psychischer Stabilität. Familien zerbrechen, soziale Bindungen verschwinden und Betroffene tragen die Folgen oft weit über die eigentliche Haftzeit hinaus.
Gerade deshalb halte ich es für essenziell, dass angehende Juristinnen und Juristen früh verstehen, welche tatsächlichen Konsequenzen hinter den Entscheidungen stehen, die später von Gerichten, Staatsanwaltschaften und Strafverteidigern getroffen werden.
Das Jurastudium vermittelt hervorragende theoretische Grundlagen. Was jedoch häufig fehlt, ist der direkte Kontakt zu den Menschen hinter den Akten. Genau hier setzte die Veranstaltung an der Viadrina an.
Besonders beeindruckend war die Offenheit, mit der Lukas den Studierenden Einblicke in den Alltag eines Untersuchungs- und Strafgefangenen gegeben hat. Es ging um Isolation, psychischen Druck, die Auswirkungen auf Angehörige und die Frage, wie sich Haft tatsächlich anfühlt — fernab juristischer Lehrbücher.
Die Resonanz der Studierenden hat gezeigt, wie groß das Interesse an genau diesen realen Perspektiven ist. Zahlreiche Rückmeldungen machten deutlich, dass Veranstaltungen dieser Art im juristischen Studium bislang kaum stattfinden, obwohl sie für ein verantwortungsvolles Verständnis von Strafrecht essenziell wären.
Strafverteidigung bedeutet auch, Menschen sichtbar zu machen
Strafverteidigung erschöpft sich nicht in Akteneinsicht, Anträgen und rechtlichen Argumentationen. Sie bedeutet auch, dafür zu sorgen, dass hinter Begriffen wie „Beschuldigter“ oder „Angeklagter“ der Mensch sichtbar bleibt.
Gerade in Zeiten zunehmender Verfahrenskomplexität, digitalisierter Ermittlungen und immer größerer Distanz zwischen Justiz und Betroffenen wird diese Perspektive wichtiger denn je. Wer über Freiheitsentzug entscheidet, sollte zumindest einmal verstanden haben, was Haft in der Realität bedeutet — nicht nur juristisch, sondern menschlich.
Abende wie „Inside Knast“ leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Nicht, weil danach alle Strafverteidiger werden wollen. Sondern weil ein funktionierender Rechtsstaat davon lebt, dass diejenigen, die Recht anwenden, die realen Konsequenzen ihrer Entscheidungen kennen.
Mehr Realität im Strafrecht
Die Diskussionen an der Viadrina haben erneut gezeigt, wie wichtig der Austausch zwischen Praxis, Wissenschaft und Betroffenen ist. Juristische Ausbildung darf sich nicht allein auf Klausuren und dogmatische Fragen beschränken. Gerade im Strafrecht braucht es Räume, in denen offen über die tatsächlichen Auswirkungen staatlicher Eingriffe gesprochen wird.
Ich danke der Europa-Universität Viadrina, allen Organisatoren, einer großartigen studentischen Moderatorin und insbesondere Lukas für diesen außergewöhnlichen Abend und den offenen Austausch mit den Studierenden. Veranstaltungen wie diese zeigen, wie wichtig praxisnahe Lehre und ehrliche Diskussionen für die Zukunft des Rechtsstaats sind.
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